Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ im Überblick
Störungsspezifische Beschreibung
Grundlegendes zu den Persönlichkeitsstörungen
- Unter dem Begriff der Persönlichkeit versteht man anhaltende Eigenschaften eines Menschen in Bezug auf Emotionen, Motivation, Kognition und Verhalten, die ihm seine charakteristische unverwechselbare Individualität verleihen. Das Spektrum persönlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen ist breit und unterliegt gesellschaftlichen sowie kulturellen Normen und Bewertungen.
- Unter Persönlichkeitsstörungen werden zeitstabile und typische Erlebens- und Verhaltensmuster einzelner Personen verstanden, die insgesamt deutlich von den soziokulturell verankerten Normen abweichen und Leidensdruck beim Betroffenen hervorrufen und/oder nachteiligen Einfluss auf die soziale Umwelt ausüben.
In Kapitel V der ICD-10 werden als allgemeines Merkmal von Persönlichkeitsstörungen tief verwurzelte und anhaltende Verhaltensmuster genannt, die sich in starren, unflexiblen und unregulierten Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung finden sich bei den Betroffenen deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken und Fühlen sowie in der Gestaltung von Beziehungen zu anderen Menschen. Aufgrund der starken Betonung der soziokulturellen Normabweichung als diagnostisches Kriterium sind Validität und Reliabilität der Konstrukte zu Persönlichkeitsstörungen vergleichsweise niedrig. Die Grenze zu lediglich als auffällig oder störend empfundenem Verhalten, das noch nicht als pathologisch bezeichnet werden würde, ist fließend, was bedeuten kann, dass bei einigen Betroffenen lediglich "Persönlichkeitsakzentuierungen" vorliegen Persönlichkeitsstörungen können sich im Laufe der individuellen Biografie in ihrer Ausprägung verändern, z. B. durch Psychotherapie. Sowohl Alltagserfahrungen als auch klinische Beobachtungen lassen jedoch die Existenz von Persönlichkeitsstörungen unzweifelhaft erscheinen, wenn die betroffenen Personen aufgrund ihrer starren Erlebens- und Verhaltensmuster in einem solchen Ausmaß mit ihrer sozialen Umgebung in Konflikt geraten, dass der Krankheitscharakter bei Anlegen eines psychosozialen Krankheitsbegriffs offensichtlich ist. Eng verbunden mit der diagnostisch-definitorischen Problematik ist die Schwierigkeit, zuverlässige Prävalenzraten für Persönlichkeitsstörungen zu ermitteln. Aufgrund der jeweils am stärksten hervorstechenden oder häufigsten Erlebens- und Verhaltensmuster erfolgt eine deskriptive Einteilung der Persönlichkeitsstörungen. Abzugrenzen sind Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen in Folge von Hirnerkrankungen (F07, Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns) oder psychischen Störungen (z. B. F20.5, schizophrenes Residuum) sowie andauernde Persönlichkeitsänderungen - beispielsweise nach Extrembelastung (F62.0, Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung) oder nach psychischer Krankheit (F62.1, Andauernde Persönlichkeitsänderung nach psychischer Krankheit) - die unabhängig davon im Erwachsenenalter erworben werden. Persönlichkeitsstörungen gelten grundsätzlich als behandelbar.
Hinweis zur ICD-11: Die Zeitstabilität konnte in Verlaufsuntersuchungen nicht bestätigt werden, weshalb in der ICD-11 ein Zeitkriterium von lediglich mehr als zwei Jahren Dauer formuliert wird.
Definition der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung gemäß ICD-10
- Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung lassen eine deutliche Tendenz erkennen, Impulse und Verhalten ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und wechselnder Stimmung.
- Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulsives Verhalten zu kontrollieren.
- Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.
- Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden:
- Impulsiver Typus, F60.30, vorwiegend gekennzeichnet durch
- emotionale Instabilität,
- mangelnde Impulskontrolle.
- Bei diesem Typus besteht eine deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten, eine Neigung zu Wutausbrüchen und explosivem Verhalten, v. a. bei Kritik durch andere.
- Borderline-Typus, F60.31, zusätzlich gekennzeichnet durch
- Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen,
- ein anhaltendes chronisches Gefühl von innerer Leere,
- intensive, aber unbeständige Beziehungen, Beziehungen zu anderen Menschen sind oft von extremen Schwankungen zwischen Idealisierung und Entwertung geprägt,
- eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
- Impulsiver Typus, F60.30, vorwiegend gekennzeichnet durch
Anamnese
Störungsspezifische Anamnese
- Störungsspezifische Beschreibung der Symptome
- Nutzung von Therapieoptionen:
- Psychotherapeutische Behandlungen
- verbunden mit der Nachfrage, ob ggf. eine störungsspezifische Psychotherapie erfolgt ist bzw. ob der oder die behandelnde Therapeut/in auf die Behandlung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) spezialisiert ist
- Medikamentöse Behandlungen
- Weitere therapeutische Behandlungsoptionen
- Psychotherapeutische Behandlungen
Anbei finden Sie einen Link zu einem Muster für die Anamneseerhebung. Die dort gelisteten Punkte geben Hinweise auf eine vollständige Anamnese, müssen aber nicht bei jedem Krankheitsbild einzeln aufgeführt werden.
Somatische und psychische Anamnese
- Erfragung weiterer aktueller körperlicher oder psychischer Erkrankungen, ggf. Wechselwirkung zwischen psychischer Störung und somatischen Erkrankungen
- Erkrankungen in der Vorgeschichte
Diagnostische Maßnahmen
- Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung soll nur erfolgen, wenn eindeutige Symptome vorliegen: Neben den allgemeinen Kriterien (tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster mit starren, unflexiblen Reaktionen auf unterschiedlichste persönliche und soziale Lebenslagen) sind dies v. a. die jeweils störungstypischen psychopathologischen Auffälligkeiten in Erleben und Verhalten.
- Basis der Diagnostik ist die sorgfältige Erhebung der Eigenanamnese einschließlich biografischer Anamnese sowie des psychischen Befundes.
- Die gestörte Interaktion im sozialen Bereich wird nicht selten auch in der ärztlichen Exploration deutlich.
- Die situationsinadäquaten, evtl. starren Verhaltensweisen des Probanden/ der Probandin können heftige emotionale Empfindungen – beispielsweise Ärger, Ungeduld, aber auch Mitleid – bei Untersucherinnen und Untersucher auslösen, die wiederum wichtige Hinweise für die Diagnosestellung liefern (Prinzip der Gegenübertragung).
- Der Gutachter/ die Gutachterin darf sich dabei nicht zu einer den Gegenübertragungsgefühlen entsprechenden Reaktion gegenüber dem Probanden/ der Probandin verleiten lassen.
- Diese Anforderungen verdeutlichen, dass die Feststellung einer Persönlichkeitsstörung großer psychiatrisch-psychotherapeutischer Kompetenz und Erfahrung bedarf und die Diagnose manchmal erst in der Verlaufsbeobachtung gesichert werden kann.
- Testpsychologische Verfahren: Die sorgfältige klinische Diagnostik soll durch den Einsatz eines validierten, halbstrukturierten Interviews unterstützt werden.
- Die Erhebung des körperlichen Untersuchungsbefundes dient v. a. dem Ausschluss organisch bedingter Persönlichkeitsänderungen bzw. bei Auffälligkeiten zur Empfehlung weiterer diagnostischer Maßnahmen, um die jeweiligen Verdachtsdiagnosen abzuklären.
- Bei Verdacht auf Hirntumor oder Verdacht auf Zustand nach Schädel-Hirn-Traumata muss beispielsweise eine craniale MRT-Untersuchung durchgeführt werden.
- Eine differenzierte Diagnostik ist essenziell, da Symptome einer BPS auch bei anderen häufigen psychischen Störungen (z. B. Depression, bipolare Störung, substanzbezogene Störungen, posttraumatische Stressstörung, Essstörungen u. a.) oder anderen Persönlichkeitsstörungen vorkommen oder gleichzeitig mit einer BPS vorliegen können und daher voneinander abgegrenzt werden müssen.
- Bei Vorliegen einer BPS sollte auch geprüft werden, ob ggf. Traumata vorliegen.
- Das Vorliegen des impulsiven Typus sollte eine kritische Prüfung nahelegen, ob komorbide eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vorliegt
Diagnostische Kriterien nach ICD-10 (Dilling et al., 2015)
F 60.30 impulsiver Typus
A. Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein.
B. Mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen, darunter 2.:
1. Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
2. Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden
3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
5. Unbeständige und launische Stimmung.
F 60.31, Borderline-Typus
A. Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein.
B. Mindestens drei der unter F60.30 B erwähnten Kriterien müssen vorliegen und zusätzlich mindestens zwei der folgenden Eigenschaften und Verhaltensweisen:
1. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und "inneren Präferenzen" (einschließlich sexueller)
2. Neigung, sich in intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
3. übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
4. wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
5. anhaltende Gefühle von Leere.
Diagnostische Kriterien nach DSM-5 (APA, 2020)
Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen.
Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:
- Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind)
- Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist
- Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung
- Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, "Essanfälle"). (Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind)
- Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten
- Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern)
- Chronische Gefühle von Leere
- Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen)
- Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
Hinweise zur künftigen Diagnostik nach ICD-11
In der ICD-11 kommt es zu einer weitreichenden Veränderung in der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen.
Alle Persönlichkeitsstörungen werden dimensional konzeptualisiert. Es kann – als Ausnahme – zusätzlich ein Borderline-Muster diagnostiziert werden (s.u.).
Gründe: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen hinreichend untersucht, es existieren empirisch geprüfte, evidenzbasierte Therapieansätze und es gibt klare Indikationsstellungen für die Psychotherapie.
Wichtig ist auch die in der ICD-11 vorgenommene Änderung in den allgemeinen Persönlichkeitsstörungsmerkmalen, die das für bisher angewandte Modelle zentrale Stabilitätskriterium durch eine Störungsdauer von mehr als zwei Jahren ersetzt.
Die dimensionale Diagnostik nach ICD-11 beruht auf Schweregraden von Funktionsbeeinträchtigungen, aufgeteilt in drei Schweregradgruppen: leicht, mittel, schwer sowie der Beschreibung von übergeordneten, prominenten Persönlichkeitsmerkmalen. Bei Vorliegen der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung wird jeweils der Schweregrad angegeben und die charakteristischen Persönlichkeitsmerkmale werden dimensional erfasst.
Daneben kann das Borderline-Muster als zusätzliches Qualifikationsmerkmal vergeben werden, wenn das Muster der Funktionsbeeinträchtigungen in typischer Form Merkmale beinhaltet, die mit kleinen Änderungen in der Formulierung den DSM-5-Kriterien entsprechen.
Testpsychologische Diagnostik / Diagnostische Interviews
Bei Verdacht auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung können vor Durchführung eines diagnostischen Interviews Screeningverfahren eingesetzt werden, die den Diagnostikprozess ggf. verkürzen. Screeningverfahren sind nicht zur Diagnosestellung geeignet, sie identifizieren in einem ersten Schritt Personen, die betroffen sein könnten (hohe Sensitivität). Im Anschluss müssen Verdachtsdiagnosen durch vertiefende Diagnostik gesichert werden.
Folgende frei verfügbare Screeningfragebögen, die in deutscher Sprache validiert wurden, weisen eine ausreichende Testgüte (v. a. Sensitivität und Spezifität) auf, sind im klinischen Alltag praktikabel und auch im Hinblick auf die Einführung der ICD-11 sinnvoll einsetzbar:
Auswahl an Screeningfragebögen nach Tabelle 6, S. 35 der Leitlinie AWMF-S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Stand: 14.11.2022:
- ADP-IV, Fragebogen zur Erfassung von DSM-IV Persönlichkeitsstörungen
- BSL-23, Borderline-Symptom Liste, Erfassung des Ausmaßes der intrapsychischen Belastung bei von BPS-Betroffenen, gute diskriminante Validität gegenüber Achse-I-Störungen, zur Verlaufskontrolle geeignet
- FGG, Fragebogen zu Gedanken und Gefühlen, Erfassung BPS-spezifischer Gedanken, für Therapieplanung und Verlaufskontrolle geeignet
Halbstrukturierte validierte Interviews sind in der Diagnostik bevorzugt einzusetzen. Sie ermöglichen eine Diagnosestellung entsprechend der offiziellen Diagnosesysteme, eine umfassende systematische Abfrage und Bewertung aller Kriterien und bieten deutliche Vorteile gegenüber Selbstbeurteilungsfragebögen (die tendenziell zu falsch-positiven Diagnosen führen können).
Die aktuelle AWMF-S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) (Stand: 14.11.2022, vgl. S. 36) empfiehlt die folgenden halbstrukturierten Interviews:
- SKID II – Halbstrukturiertes Klinisches Interview nach DSM-IV für Achse-II-Störungen
- SKID-5-PD – Halbstrukturiertes Klinisches Interview für DSM-5-Persönlichkeitsstörungen
- DIPS Open Access – Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen
- IPDE - International Personality Disorder Examination – Borderline-Modul.
Differentialdiagnostik
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist differentialdiagnostisch v. a. abzugrenzen von folgenden Störungen:
- Depressive Störungen
- Posttraumatische Belastungsstörung
- Angststörungen
- Dissoziative Störungen
- Somatoforme Störungen
- Essstörungen
- ADHS
- Bipolar-II-Störung
- Andere Persönlichkeitsstörungen, v. a. antisoziale Persönlichkeitsstörung
- Asperger-Syndrom/Autismus-Spektrum-Störungen
- Psychotische Störungen
- Selbstverletzendes Verhalten (als Symptom)
Eine diagnostische Herausforderung kann in der Differenzialdiagnostik einer Bipolar-II-Störung sowie eines ADHS liegen.
Bipolar-II-Störung vs. Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Wesentlicher Unterschied zur Bipolar-II-Störung: Die Affektivität bei bipolaren Störungen verändert sich nachhaltiger und dabei weniger reaktiv
- Emotionale Stressoren als Auslöser geben wesentliche Anhaltspunkte für eine BPS
- Bei Vorliegen psychotischer Symptome: Ausführliche Differentialdiagnostik empfohlen, v.a. bei intermittierend auftretenden Wahnsymptomen und Halluzinationen
ADHS vs. Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Ein Unterschied ist darin zu sehen, dass im Gegensatz zum ADHS bei der BPS impulsives und aggressives Verhalten i.d.R. mit emotionalem Stress verbunden sind
- V.a. wenn ausgeprägt impulsives Verhalten und Aggressivität vorliegen, sollte geprüft werden, ob ein ADHS / komorbides ADHS vorliegt
- Bei alleinigem ADHS ist mit weniger typischen interpersonellen Problemen der BPS zu rechnen, impulsives Verhalten tritt auch unabhängig von emotionalem, interpersonellem Stress auf
- Umgekehrt fehlen bei BPS die Merkmale kognitiver Impulsivität, Konzentrationsschwierigkeiten sowie die motorische Hyperaktivität und der oft beschleunigte Redefluss
Somatische Komorbiditäten
- BPS-Betroffene weisen häufig somatische Komorbiditäten auf
- Damit verbunden ist eine erhöhte Nutzung der Angebote des Gesundheitssystems, bei anderen Betroffenen auch eine Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge und eine verminderte Lebenserwartung
- Gemäß AWMF-S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (Stand: 14.11.2022) zeigte die Auswertung der Abrechnungsdaten aller gesetzlich Versicherten in Deutschland im Jahr 2016 erheblich erhöhte Risiken somatischer Erkrankungen im Vergleich mit nicht von BPS Betroffenen:
- Insbesondere die Risiken von
- endokrinen,
- Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen,
- Kreislauf- sowie
- Atmungssystemerkrankungen
- Insbesondere die Risiken von
waren dabei nochmals höher als bei Menschen, die von anderweitigen schweren psychischen Erkrankungen (psychotische oder bipolare Störungen, schwere unipolare Depressionen) betroffen sind
Therapieoptionen
- Da bezüglich der Persönlichkeitsproblematik je nach Ausprägung und bisherigem Verlauf teilweise keine Krankheitseinsicht und kein ausreichender Leidensdruck bestehen, wird eine Behandlung der Persönlichkeitsstörung von den Betroffenen selbst häufig nicht angestrebt
- Eine medizinische Versorgung wird häufig eher aufgrund anderer psychischer Symptomatik wie Depressivität, Angst, psychische Krisen, Suizidalität oder Selbstverletzungen in Anspruch genommen
Hinweis: Insbesondere bei ausbleibender Besserung trotz Therapie sollte das Bestehen von weiteren Diagnosen, insbesondere eine Traumatisierung, die möglicherweise eine Traumatherapie erfordert, geprüft werden.
Medikamentöse Behandlung
- Medikamentöse Interventionen sollten gemäß AWMF-S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (Stand: 14.11.2022) nicht die alleinige oder primäre Therapie darstellen, da sie Erkrankung und Verlauf nicht grundlegend beeinflussen.
- Vor dem Einsatz von Medikamenten ist zu prüfen, ob nicht anderweitige besser geeignete Interventionen verfügbar sind.
- Medikamente können die Psychotherapiefähigkeit fördern, wenn sie schwerwiegende, nicht anderweitig beherrschbare therapiegefährdende Symptome bessern (z. B. starke Unruhe- und Erregungszustände, schwere dissoziative Zustände oder ausgeprägte Schwierigkeiten, Aggressivität zu kontrollieren).
- Gleichzeitig können Medikamente die Psychotherapiefähigkeit aber auch gefährden, wenn sie beispielsweise stark dämpfend wirken und so möglicherweise Lernprozesse hemmen.
- Falls Medikamente zum Einsatz kommen, ist auf einen adäquaten, zeitlich begrenzten Rahmen zu achten.
- In jedem Fall ist darauf hinzuarbeiten, dass Medikamente nicht ohne Psychotherapie verabreicht werden.
- Steht eine Psychotherapie nicht zur Verfügung, ist es sinnvoll, den Zeitraum der reinen medikamentösen Therapie so kurz wie möglich zu halten
- In Deutschland ist bisher kein Medikament zur Behandlung der BPS zugelassen, eine Verschreibung erfolgt als "off-label-use".
- Gegenüber den Krankenkassen ist eine off-label-Behandlung ggf. rechtfertigbar, da
- es sich um eine schwerwiegende psychische Erkrankung handelt.
- aus randomisiert-kontrollierten Therapiestudien Hinweise für die Wirksamkeit einzelner Medikamente vorliegen.
- Gegenüber den Krankenkassen ist eine off-label-Behandlung ggf. rechtfertigbar, da
- Komorbide Störungen sollten ggf. entsprechend den aktuellen Leitlinien medikamentös behandelt werden.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Therapie der Wahl ist die störungsspezifische strukturierte Psychotherapie, diese ist ein essenzieller Aspekt für die Begutachtung, zu dem möglichst viele Informationen gesammelt werden sollen (Hat eine solche tatsächlich stattgefunden? Warum wurde ggf. keine Remission erreicht? Etc.)
- Bei den empfohlenen evidenzbasierten Behandlungskonzepten handelt es sich um störungsspezifisch ausgerichtete Therapieprogramme, die auf klassischen therapeutischen Verfahren wie kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) oder tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie aufbauen, den prototypischen mentalen und behavioralen Besonderheiten der BPS aber eine maßgebliche Bedeutung in der Konzeptualisierung zumessen.
- Auf Ebene der einzelnen Therapieansätze zeigt sich, dass derzeit die belastbarste Evidenz für die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) vorliegt, gefolgt von der mentalisierungsbasierten Therapie (MBT).
- Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung hat sich die von M. Linehan in den 1980er Jahren entwickelte dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie, als wirksam erwiesen.
- Methodisch integriert die DBT ein breites Spektrum aus den Bereichen Verhaltenstherapie, kognitive Therapie, Gestalttherapie, Hypnotherapie und aus dem ZEN.
- Es ist ein modulares Konzept, welches eine Kombination zwischen Einzeltherapie, Gruppentherapie und Supervision vorschlägt.
- Die gesamte Therapie im ambulanten Setting erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren.
- Die DBT gibt es auch in stationärer Form, dann erstreckt sich die Dauer über 12 Wochen, die in Intervalle aufgeteilt werden können.
- Die erforderliche langfristige psychotherapeutische Behandlung zielt ab auf
- Verbesserung der Affektregulation.
- Verbesserung von Borderline-typischen emotionalen Problemen wie Einsamkeit, Selbsthass, Angst vor Verlassenheit etc..
- Trainieren des Umgangs mit den inneren Anspannungszuständen durch das Erlernen alternativer Reaktionen (z. B. Skills) zur Reduktion der Anspannungszustände anstelle dysfunktionalen (selbst- oder fremdschädigenden) Verhaltens.
- Potenziell lebensgefährliches Problemverhalten (Suizidversuche, schwerwiegende Selbstverletzungen, Unterlassen von medizinisch notwendigen Behandlungen und Hochrisikoverhalten, parasuizidales Verhalten) hat höchste Priorität in der Behandlung, wenn vorhanden
- Differenzierung der sozialen Wahrnehmung und der emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten.
- Erlernen adäquater Beziehungsgestaltung durch Erweiterung der Interaktionsmöglichkeiten.
- Verbesserung des Umgangs mit krisenerzeugendem Verhalten und suizidalen Krisen.
- Empfohlen wird der Abschluss eines Anti-Suizid-Vertrages für die Zeit der Therapie (bei DBT-Therapie ist der Anti-Suizid-Vertrag Grundbestandteil).
Krankheitsverlauf und Prognose
Gemäß der AWMF-S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung (Stand: 14.11.2022) gilt nach klinischem Expertenwissen:
- Etwa ein Drittel der fachgerecht störungsspezifisch behandelten BPS-Betroffenen erreicht nach 12 Monaten Psychotherapie das Stadium der Remission.
- Ein weiteres Drittel erreicht dieses Stadium nach etwa zwei Jahren.
- Ein Drittel der Betroffenen benötigt deutlich mehr Zeit, bzw. längere niederfrequente supportive Psychotherapie.
- Gerade ausgeprägte psychiatrische oder somatische Komorbiditäten (PTBS, Essstörungen, Abhängigkeitserkrankungen etc.) erfordern häufig längere Psychotherapieverläufe.
- Die Intensität der einzelnen Symptome, des Leidens und der Konflikte kann sich bei Persönlichkeitsstörungen generell unter dem Einfluss verschiedener Kontextfaktoren ändern, beispielsweise durch soziale Beziehungen aber auch durch den erlernten Umgang mit den Symptomen oder mit spezifischen Belastungssituationen.
- Im persönlichen, sozialen und beruflichen Bereich ist oft das Umfeld in besonderer Weise belastet. Aber auch bei vielen Betroffenen besteht ein z. T. erheblicher subjektiver Leidensdruck, die Stimmungsschwankungen werden als belastend erlebt sowie die Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen mit häufigen Beziehungsabbrüchen und anhaltenden sozialen Konflikten, z. B. am Arbeitsplatz. Schließlich ist häufig auch eine Elternschaft belastet. Leitsymptome der Erkrankung sowie eine hohe Suizidalität (3-13 %) und sehr häufige Suizidversuche zeigen einen hohen subjektiven Leidensdruck der Betroffenen.
- Die Prognose wird durch die Ausprägung der Persönlichkeitsstörung selbst, aber auch durch das häufige Hinzutreten anderer psychischer Störungen und Symptome erheblich beeinflusst, wie Substanzmissbrauch, depressive Episoden, Angst- oder Zwangsstörungen und produktiv-psychotische Phänomene oder Episoden.
- Bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung kommen Suizidversuche bzw. impulsive Selbstverletzungen gehäuft vor.
- Während die akuten Symptome im Bereich der Impulsivität und der affektiven Instabilität mit zunehmendem Lebensalter nachlassen können, sind depressive Symptome im Zusammenhang mit der BPS jedoch häufig weiter prävalent.
- Auch kann es in höherem Lebensalter zu einem verringerten psychischen Funktionsniveau durch die BPS kommen, selbst wenn nicht mehr alle BPS-Kriterien zutreffen, um die Diagnose einer BPS zu vergeben.